Von Kopf bis Fuß

Kabarett-Neckereien von Friedrich Hollaender
mit dem Kabarett-Ensemble BerlinerTingelTangel

»Clown, du hast deine Stellung verloren« singt der alte Mann mit müder Stimme und melancholischem Unterton. Dann zieht er, wie er es gelernt hat, den Strohhut: »Deine Bonmots beginnen zu rosten. Es brenzeln die Wortspielereien…« Und nach einer knappen Verbeugung dann, leise beschwörend, der eindringliche Rat: »Stopfe die Ulk-Trompete zu! Oh, du dummer Augustin, gib doch Ruh!«

Es ist mehr als ein Chanson, das der müde gewordene Hollaender da 1958 beschwört. Es ist die Bankrotterklärung einer ganzen Zunft, die nicht aufzuhalten imstande war, was sie an Verderben vorausgesehen und die warnend ihre Stimme erhoben hatte, aber nicht gehört worden war. Es ist das Fazit eines Lebens, das den Clown nach Jahren des Exils, »staatenlos im Nirgendwo«, wie Walter Mehring das genannt hat, in die fremd gewordene alte Heimat hat heimkehren lassen.

Der große kleine Friedrich, wie Charlie Chaplin den Anderthalbmeter-Mann einmal zärtlich genannt hat, war ein Tausendsassa der großen Kleinkunst, ein Multitalent: Komponist und Textdichter, Schauspieler und Regisseur, Schriftsteller und Dirigent, Kabarett-Leiter und Pianist. Wie all seine Kollegen, die sich aufs schwere Metier der leichten Muse verlegt hatten, mal sanft, mal kritisch, mal polemisch auf Widerspruch, mal unverblümt auf modische Trends aus, tingeltangelte er in den zwanziger Jahren der später nostalgisch auf Gold umgelogenen Weimarer Republik über wirtschaftliche Baissen und politische Krisen hinweg, lieferte den valse triste zu einer unruhigen Zeit, in der man sich nach 1918 mal »wieder amüsieren« wollte, wie Klabund notierte. Er spielte dem Chaos auf, half es literarisch benennen, ergriff Partei, ließ Mahnungen los, stieß Warnungen aus, stellte sich – elegant in der Form, klar in der Sache – gegen die Zeit, die man die tollen Zwanziger genannt hat und die geradewegs in die braunen Dreißiger führte. Und musste am Ende erkennen, dass, wo Unbelehrbares die Oberhand gewinnt, die Resignation der Weitsichtigen steht und die Sprachgewaltigen sprachlos werden.

Das Lächeln seines Publikums war ihm mehr als der Entschlossenheits-Gestus der parteilichen Ideologen, er setzte lieber auf das Florett eleganter, geistreicher Conférence als auf das schwere Geschütz platter Er gab ein Königreich für eine Pointe, ein Herzogtum für eine geschliffene Formulierung, eine Grafschaft für den gelungenen Endreim. Tragisch genug, in eine Zeit hineingeboren zu sein, die, wie sich zeigen sollte, für derlei Fertigkeiten wenig empfänglich war.

Volker Kühn

Erleben Sie das Kabarett-Ensemble BerlinerTingelTangel in seiner neuen Produktion mit Liedern und Texten von Friedrich Hollaender. Dazu spannen sie den kabarettistischen Bogen von den „Goldenen“ Zwanzigern über die Weimarer Zeit bis hin zu den Erfolgen Hollaenders in den 50er und 60er Jahren und scheuen sich nicht, vom rein Amüsanten-Spaßigen auch mal zum Systemkritischen überzugehen.

Sigrid Güssefeld
Andreas Kling
Stefan Breinl

Eintritt: 15,- Euro